Dienstag Abend – das Haugh Hotel in Cromdale

Ja, in Großbritannien gibt es Badezimmer ohne Teppichboden. Das Bed & Breakfast in Cromdale – bekannt für eine Schlacht im 17. Jahrhundert, also das Dorf, nicht die Unterkunft – ist da aber eher traditionell unterwegs. Moosgrüner Teppich, an einigen Stellen wellig und verfärbt. Ich will mich amüsieren und bete die Vorzüge von Fliesen auf, aber mein Freund unterbricht mich: „Das ist hier eine Industrienation, die jahrhundertelang die Welt beherrscht hat, da hat Teppich im Bad wohl nicht gestört.“ Alles klar, widmen wir uns lieber den wichtigen Dingen: der kühle Drink nach 21 Kilometern Wanderung. Terry zapft uns zwei eiskalte pints of cider. Die Strongbows sind nicht so stark wie ihr Name und ein erfrischendes Highlight zwischen Apfelsaft und -wein. Terry ist hier der einzige Barbesitzer im Ort. Er würde mit seinem stylischen, kurzen Irokesenschnitt und dem schwarzen Polo-Shirt auch in eine hippe Bar nach Edinburgh oder Glasgow passen. Sein Hobby ist der Marathonlauf und eine ganze Wand hinterm Tresen ist seinen Startnummern und Medaillen gewidmet. Der Speyside Ultra Marathon, drei Mal der Loch Ness Marathon, Inverness Halbmarathon und unzählige Charity-Läufe. Wie in einem echten Pub sind kleine Chipstüten, Schokoriegel und Spirituosen auf den Regalen aufgebaut. Auffällig sind auch die vielen Spenden-Urkunden für den Children’s Fund und den Red Nose Day über höhere Summen. Terry erzählt uns, dass er und seine Familie hauptsächlich vom Bed & Breakfast leben. Wanderer aus Europa, Angler aus UK und Autotouristen aus den USA, die in Tagestouren Destillieren in der Umgebung abklappern, zählen zu seinen Gästen. Der angegliederte Pub wird von den Einheimischen aus dem Ort zum Leidwesen von Terry kaum besucht. Höchstens ab und zu mal am Wochenende. Viele seien hier in der Gegend Lkw-Fahrer und tränken sowieso keinen Alkohol. Die andere kauften ihr Bier im Supermarkt, sei billiger. Der Hauptgrund ist allerdings ein anderer: Terry ist Engländer. Bevor er vor drei Jahren mit seiner Mutter und seinem Halbbruder den Laden übernommen hat, hat hier regelmäßig der Bär gesteppt mit Gegröle und Jukebox-Gedudel bis morgens um drei Uhr. Als die Locals herausgefunden haben, dass er Brite ist, haben sie den Pub nicht mehr besucht. Schade findet er das schon, aber für die Übernachtungsgäste sei das gut, weil keine Beschwerden mehr kämen. Für den zweiten Drink übernimmt seine Mutter die Bar. Ob sie zufrieden ist, aus England ausgewandert zu sein und mit ihren zwei Söhnen eine neue Existenz zu starten? „Well, most of the time.“ Der Tourismus laufe gut, die beiden Söhne hätten mit ihren Abschlüssen in Tourismus und Kochen eine gute Grundlage. Es kämen ja auch viele Arbeiter auf der Durchreise vorbei. Ich glaube aber schon, dass sie auch bei den Locals gerne akzeptiert wäre. „It’s not offensive, you know. But as soon as you turn your back they start talking”, erzählt sie uns, während sie das Chipsregal mit Tütchen der Geschmackssorten onion, prawn cocktail und classic auffüllt.

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