Bunsenbrenner im Gepäck: die Ruhezone

Es ist Montag früh. Das Wort „früh“ wird im Folgenden noch eine wichtige Rolle spielen. Ich werde heute ausgeschlafenen Rentnern begegnen. Sie werden alternative Interpretation für einige Begriffe parat haben.

IMG_Ruhezone

Heute nehme ich um 6:54 Uhr den Zug von Frankfurt nach Nürnberg. Schlau, wie ich mich wähne, habe ich einen Platz an einem Tisch im Ruhebereich reserviert – noch ein bisschen schlafen, noch ein bisschen arbeiten.

6: 54 Uhr: Steige in den pünktlich ankommenden Zug und möchte am liebsten gleich dösen. Eine Rentnerin (Rentnerin A) braucht etwas länger, um ihren Platz zu beziehen und ihre Jacke aufzuhängen. Schlangen bilden sich im Gang, die Reisenden haben Schwierigkeiten, mit ihren Businesstrolleys durchzukommen. Es wird nach alternativen Wegen gesucht, die bei allen Beteiligten für blaue Flecken sorgen.
7:10 Uhr: Rentnerin A, die nun neben mir sitzt, möchte den Platz tauschen. Der Laptop meines Gegenübers scheint sie zu stören. Der Mitreisende zieht freiwillig den Kürzeren und zieht um. Noch ahne ich nicht, dass er mir ein Vorbild hätte sein sollen.
7:15 Uhr: Rentnerin A verlässt wortlos mit ihrem Hab und Gut ihren Platz. Bis 8:35 Uhr wird sie nicht mehr auftauchen.
7:24 Uhr: Sechs Rentner steigen in Aschaffenburg ein. Der Zug hört ihnen die Vorfreude auf den Ausflug nach München deutlich an. Bis etwa 7:35 Uhr werden Fahrkarten verteilt und Spazierstöcke deponiert. Dabei wird die Kapazität der Gepäcknetze, die Funktionen der Sitze und des Tischmülleimers ausgiebig getestet und humorvoll kommentiert.
7:30 Uhr: Hänge mir demonstrativ meinen Schal vors Gesicht und werfe mich ein wenig theatralisch in den Sitz. Probiere damit, nonverbal zu überzeugen.
7: 36 Uhr: Memo to myself: Ohrenstöpsel für Zugfahrten nicht vergessen.
7:38 Uhr: Suche nach einem neuen Platz. Kehre erfolglos gegen 7:42 Uhr zurück.
7:43 Uhr: Eine neue Sitznachbarin (Sitznachbarin B) gesellt sich neben mich. Ab 7:44 Uhr ist sie ebenfalls genervt und schreibt wütende Nachrichten an ihre Freunde.
7: 50 Uhr: Innerhalb der lustigen Rentnergruppe entspinnt sich eine Diskussion über die Heizung im Zug. Schnell werden dabei Untertöne laut, warum viele mit Jacken zugedeckt seinen und warum man eigentlich nicht zu Hause schlafen könne.
IMG_Psst7:51 Uhr: Muss trotz Ruhezone meinem Ärger nun endlich Luft machen. Erkläre die Definition einer Ruhezone aus Sicht von Arbeitnehmern, die um fünf Uhr aufgestanden sind.
7:52 Uhr: Werde ausgelacht, die Ruhezone gelte nur bis sieben Uhr. Denke daran, wie sich Rentner oft über den mangelnden Respekt von Jugendlichen aufregen. In mir brodelt es. Entscheide mich aus Respekt zur Ruhezone für weitere nonverbale Signale.
7:55 Uhr: Vermute, dass aus meiner Nase glühende Wolken aufsteigen.
8:05 Uhr: Die Gruppe benimmt sich wie an einem Samstagnachmittag um 16 Uhr in der Regionalbahn.
8:30 Uhr: Ein weiterer Wendepunkt: es wird Wein ausgepackt und verteilt. Ich beiße gerade in mein Marmeladenbrot.
8: 31 Uhr: Noch eine halbe Stunde nach Nürnberg. Wir sind wegen einer Weichenstörung außerplanmäßig in einem Tunnel zum Halten gekommen. Darauf wird angestoßen. Die Wolken dampfen jetzt auch heiß aus meinen Ohren.
8:35 Uhr: Rentnerin A kehrt überraschend zurück und besteht auf ihre ursprüngliche Reservierung. Sie diskutiert mit Sitznachbarin B. Der Ton wird unfreundlich und es wird mit dem Schaffner gedroht.
8: 38 Uhr: Sitznachbarin B verlässt kopfschüttelnd die Szene.
8: 40 Uhr: Die Rentnergruppe bestätigt Rentnerin A, dass sie absolut recht und Sitznachbarin B ja wohl absolut zickig reagiert habe.
8:41 Uhr: Memo to myself: Bunsenbrenner nicht vergessen: für besondere Effekte von glühenden Nasen- und Ohrenwolken während Zugfahrten
8:55 Uhr: Es wird Schnupftabak verteilt. Nachdem alle einen tiefen Zug vom Handrücken genommen haben, lässt das kollektive Niesen nicht lange auf sich warten.
9:00 Uhr: Rentnerin A hat sich von der Aschaffenburger Rentnergruppe „auf den Schreck“ auf einen Wein einladen lassen. Um 9:00 Uhr ist bereits der dritte Becher geleert. Alle finden Gefallen am gegenseitigen Austausch von Lebensläufen und Reiseerfahrungen.
9:10 Uhr: Der Zug hat zehn Minuten Verspätung. Ich bin bereit zur Flucht und springe um 9:12 Uhr im Hechtsprung aus der – gefühlt – noch fahrenden Bahn.

Was denkst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s