Selbstüberschätzung auf Bahn 8 – Triathlonschwimmen für Seepferdchen

Seit einem Jahr probiere ich, mehr als eine Bahn kraulen zu können. Also ohne nach Luft zu japsen, zu husten und theatralisch die Brille neu richten zu müssen. Ein Jahr? Wollt ihr mich veräppeln? Ich habe mich beim Joggen in vier Monaten von null auf zehn Kilometer gesteigert und mir an einem Wochenende beigebracht, auf den Fingern zu pfeifen – was kann denn am Schwimmen so schwer sein? Alles.

Seit diesem einen Jahr gehe ich – nach einem im Januar 2015 absolviertem Kraulkurs – nun mindestens ein Mal pro Woche ins Schwimmbad und switche viel zu schnell auf das gemütliche Brustschwimmen. Trainingsstunden mit Triathlonfreunden haben eine lange Liste an Verbesserungsvorschlägen produziert, die ich immer noch relativ erfolglos abarbeite. Lange Rede, kurzer Sinn: ich will mich in Profihände begeben und habe ich zu einem Schwimmkurs in einem Hallenbad in Frankfurt angemeldet. Ganz großspurig zum Triathlonschwimmen. Oha, Schnapsidee trifft Selbstüberschätzung.

Am Montagabend um 19:30 Uhr gehe ich zu Bahn 8, wo schon der Trainer wartet. Nennen wir ihn für diesen Artikel „Bogdan“. Er ist Ü50, ein zäher Typ mit osteuropäischem oder slawischem Akzent. Kein Dauergrinser oder Lobverteiler. Wir warten noch bis 19:35 Uhr, dann ist klar: ich werde heute die einzige sein. Bogdan und ein Bademeister verscheuchen alle Schwimmer von Bahn 8. Es fühlt sich toll an, wie mir hier der rote Teppich ausgerollt wird, damit ich mich entfalten kann. Nur werde ich nicht alle Erwartungen erfüllen, schätze ich.

Es ist laut. Auf den anderen Bahnen trainiert die DLRG und im Nachbarbecken schubsen sich dicke Jugendliche aus dem Wasser und zappeln bauchlings über die Kacheln in Richtung Bahn 8. Ich muss an Fische an Deck eines Fangschiffs denken. Ein 90er Jahr Mix schallt über die Lautsprecher, meine Badekappe klebt über den Ohren. Ich kann kaum Bogdans Anweisungen verstehen. Ob ich Badewanne kenne? Klar, das mit dem Entspannungsbad. Fragende Blicke, warum ich mich nicht bewege. Ach so, das ist eine Übung. Na die muss ich mir erklären lassen, also Badekappe hochgeklappt und hingehört.

IMG_Schwimmausrüstung
Nur mit dem Bikini ins Schwimmbad – das war einmal. Echte Triathleten erkennst Du an der „Sailfish“-Bademütze. Meine ist nur Schwarz.

Nach der Badewanne geht es weiter mit jeweils einer Bahn Techniktraining – Scheibenwischer, Faustschwimmen, Abschlagschwimmen, nur Beinschlag mit Brett, Beinschlag zur Seite mit Brett usw. – und einer Bahn Kraulschwimmen. „Ganz locker“ alles. Bei mir ist nichts locker und schnaufend japse ich beim Rechtsatmen nach Luft, die mit immer zu knapp ist. Bei einer kurzen Pause plaudere ich mit Bogdan über seine und meine Triathlonerfolge. Seine: er war unter anderem viele Jahre lang beim Ironman am Start. Meine: beim 10 Freunde Triathlon angetreten, bei denen ich einen Zehntel Ironman geschwommen, geradelt und gelaufen bin. Damit kann ich Bogdan berechtigter Weise nicht beeindrucken. Vermutlich lacht er mich innerlich aus, was ich hier eigentlich will. Grund dafür hätt er. Ich mache aber schon wieder zu lange Pause. Jetzt geht es an den Sprint. Sechs Mal zwölf Meter schnell, dann wieder das mich ziemlich fordernde „ganz locker“. Nach drei Durchgängen muss ich aus dem Wasser: mir ist schwindelig. Durch die beschlagene Brille schiele ich zur Uhr: es ist erst eine halbe Stunde rum. Weiter geht’s.

Zwischendrin der Anflug eines Lobs: „Das war ok.“ Ich bin vom Fitnessstudio ziemlich verwöhnt, das muss ich zugeben: „Ihr Lieben, toll macht ihr das“ heißt es da oder „super durchgehalten“ oder gar „wow, tolle Körperspannung. Hast Du mal Ballett gemacht?“. Hier werde ich also wieder auf dem Boden des Schwimmbeckens geholt. Es ist noch ein weiter Weg bis zu einem Trainerlob.

Drei Wadenkrämpfe später ist meine erste Trainingsstunde Triathlonschwimmen zu Ende. Ob es auch etwas Spaß gemacht hat, fragt Bogdan. Ja, an sich schon. Ich steige aus dem Wasser, die Arme schmerzen und die Finger zittern. „Gute Erholung“ ruft mir Bodgan nach.

PS: Nachtrag: In der dritten Stunde gab es ein High Five von Bogdan, als ich im dritten Versuch endlich einen fünf Kilo schweren Schwimmring nach oben holen konnte.

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