Pascal

Pascal ist wieder in der Stadt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich ihn nicht sehe. Wie er mich schon wieder angrinst, wie er schon wieder seinen Body präsentiert. Das, was mal zwischen uns war, ist Geschichte, ist aus, vorbei, in die Tonne getreten. Aber mich sticht es trotzdem, wenn ich ihn jetzt sehe. Er erinnert mich an den inneren Kampf mit mir und an das Aufgeben.

Pascal und ich? Wir sind uns nie begegnet. Pascal ist ein Model und ein glücklicher Sieger auf der Plakatkampagne des Marathons in Frankfurt. Mich hat Pascals Charakter nicht interessiert, mir ging es nur um seinen Körper. Obwohl. Letztendlich ging es auch nicht darum. Es ging um sein Alter Ego, für das er stand, um die Idee, die er verkörpert: Glitzerregen beim Einlauf in die Frankfurter Festhalle, Ektase jenseits des Runner’s High, Anerkennung und eine neue Medaille an der Wand.

Staffel beim Frankfurt Marathon 2015
Staffel beim Frankfurt Marathon 2015

Ich wollte, dass der Marathon in Frankfurt das neue Ziel meines Wegs wird. Meines Wegs zum Laufen, der im Herbst 2013 mit sehr kleinen Schritten und Runden im Holzhausenpark begonnen hatte. Der schnell länger wurde und ich mich bereits an Pfingsten 2014 zur Zielzeit für das Sportabzeichen im Zehnkilometerlauf getragen hatte. Der mich hat mich und andere Menschen hat besser kennen lernen lassen. Der mich hat verrückte Bücher lesen und teure Schuhe kaufen lassen. Der mich zur teilweisen Alkohol-Abstinenzlerin und zur Quarkesserin gemacht hat. Der mich hat auch schon die salzig-schwitzige Marathon-Luft hat schmecken lassen als Staffelläuferin im Jahr 2014 und 2015 in Frankfurt und beim Halbmarathon-Finisherin in Mannheim voller elektrisierender Emotionen. Lachen. Tanzen. Frieren, Zittern. Schwitzen. Schnaufen. Kämpfen. Siegen. Weinen. 2016 wollte ich meinen ersten Marathon laufen – so der Plan.

Es kam anders

Pascal schwitzt nicht
Freunde bleiben?

Pascal war mein Motivator, mein Held, mein geheimer Komplize. Ein Plakat von ihm – das ich an der Strecke geklaut hatte – hing in meinem Arbeitszimmer. Von ihm, dem Typen, der nach einem kurzen 42-Kilometer-Sprint durch Frankfurt nicht schwitzt. Als das im Oktober 2015 mit uns angefangen hat, war mir das schon irgendwie suspekt. Mit Pascal als innerer Trainer lief ich noch disziplinierter, besuchte Laufworkshops und wollte schnell, ausdauernd und zäh werden. So wie Pascal. Erst bin ich umgeknickt, dann war ich fast zwei Monate lang erkältet und übel gelaunt und dann kam ein Tief im Job. Zum Spiridon-Silvesterlauf habe ich mich mit einer katastrophalen Zeit noch einmal aufgebäumt, danach folgten die schlaflosen Nächte. Ausquartiert ins Arbeitszimmer hatte ich bei meiner nächtlichen Gedankenkreiserei über das Leben und meine Ziele immer das Pascal-Plakat im Blick. Irgendwann hat er angefangen, zu nerven. Als er mir dann auch noch leise zugeflüstert hat, dass ich mir zu viel auflade, mir vier oder mehr Stunden am Stück zu Laufen gar keinen Spaß macht und ich für ein Marathontraining auch gar keine Zeit habe, war mir klar, dass sich unsere Wege trennen mussten. Freunde bleiben? Ok, aber nur Freunde bleiben. Ende Januar habe ich das Pascal-Plakat in die Mülltonne geworfen.

So ging es weiter

Ich bin monatelang nicht mehr gelaufen. Einfach keine Lust. Laufen? Was ein langweiliger Quatsch. Meine Euphorie war erloschen und ich konzentrierte mich auf andere Sportarten. Im Urlaub bin ich allerdings mit Spaß durch den Central Park in New York gejoggt (wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte Pascal beim mir Telefonterror gemacht), aber in Frankfurt am Main laufen zu gehen, war undenkbar. Erst vor ein paar Wochen, nachdem auch das allerletzte Freibad geschlossen hatte, habe ich wieder ernsthafter mit dem Laufen angefangen. Es geht noch, es ist noch zäh, aber der Spaß kommt ganz ganz langsam zurück. Am Sonntag starte ich wieder. In der Staffel mit den Mädels aus dem Büro. Es wird schön, es wird emotional. Und ein bisschen werde ich auch an Pascal mit seinem Glitzerregen denken.

PS: Und wie wir alle das mit Verflossenen so machen, habe ich Pascal heute mal gegoogelt. Er heißt wirklich Pascal und ist nicht nur Marathoni, sondern auch noch ein Triathlon-Profi. Noch Fragen? Unser Trainingspensum hätte einfach nicht zusammen gepasst.

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