Traininglagern auf Mallorca – Teil 1

Ich wage mich in ein neues Urlaubsabenteuer: in den Massentourismus auf Mallorca. Mit bunten Perücken und Sangria zu Jürgen Drews schunkeln? Fast. Es ist ein Urlaub, vor dem Dich Autofahrer gewarnt haben und über den Du Artikel mit Begriffen wie „Heuschrecken“ und „bunte Pest“ gelesen hast. Auf diesen Urlaub freue ich mich, seit dem ich vor einem Jahr im individuellen Finca- kleinen Buchten-lauschige Weinabenden-Urlaub selbst die Radfahrer in den engen Windungen des Tramuntana-Gebirges überholt habe. An den Warnungen ist etwas dran. Aber das macht ja bekanntlich den Reiz aus. Also buche ich eine Woche Radsporturlaub (aka „Trainingslager“) mit fünf geführte Radtouren (aka „Ausfahrten“, „Ritte“, „Kilometer fressen“, „Tempobolzen“) und Halbpension in der Hotel- und Hürzeler*-Hochburg Playa de Muro. Kopf ausschalten, Arbeit daheim lassen und auspowern.

Als Newbie bin ich noch nicht überall sattelfest, etwa in Begriffen (meine Learnings habe ich hier gleich mal verarbeitet) und Gepflogenheiten der Rad-Community, inklusive der – meist von Männern – vorgetragenen Heldengeschichten. Ich bin mit Müsliriegeln von Aldi und nagelneuem Klicksystem unterwegs und antworte auf die Standard-Eingangsfrage beim Kennenlernen: „Wie viele Kilometer hast Du diese Saison schon in den Beinen?“ knapp mit: „Ich bin den ganzen Winter über gefahren, um die 200 Kilometer pro Monat – mit dem Rennrad bin ich dieses Jahr aber noch nicht gefahren.“

Learning #1: Als Alleinreisende Mitte 30 bin ich hier eher die Ausnahme. Die meisten sind 45 aufwärts und kommen mit Partner oder Familie. Viele Frauen kommen auch nur ihren Ehemännern zuliebe mit und fahren in der „Genießer-Runde“ eine kleine Tour mit und hören sich abends geduldig die Heldengeschichten an.

Tour 1: Habe mich brav an die Faustformeln vom Chef der Bikefriends, Dieter, gehalten: lieber niedrig starten, gut eincremen und nicht an Häuserwände pinkel. Letzteres fällt mir besonders leicht. Heute starte ich in der Gruppe „Touristik“ und lerne auf 75 Kilometern (aka „Einrollen“) das Gruppenfahren. Das bedeutet: maximale Konzentration, Zeichen und Kommandos folgen und geben und so eng auffahren, dass mir dabei nicht ganz wohl ist. Ich kann das Tempo einigermaßen halten und komme ab dem ersten Stopp (aka „Bananenpause“) auch mit den Mitradelnden ins Gespräch. Fast alle sind locker drauf und nett. Die ungefragten, sicher gut gemeinten, aber patzig rüberkommenden Ratschläge der Schlusslicht-Fahrerin verderben mir bei der Weiterfahrt dann aber zwischenzeitlich wieder die Laune. Gerade war ich noch begeistert, dass Radfahren ein echter Teamsport ist. Aber 75 Kilometer machen noch kein Team. Am Abend baut mich Guide Ernst bei einem Aperol Spritz im „Utopia“ wieder auf und sagt mir, dass ich gut mitgekommen sei. Na dann: „Salud“.

Learning #2: Wenn sich abends alle bei „Matthias“ treffen wollen, heißt das nicht, dass wir im Hotelzimmer von Guide Matthias die Minibar leeren. „Matthias“ ist eine Kneipe. Die heißt jetzt aber „Utopia“, denn Matthias ist jetzt Orangenbauer geworden und weggezogen.

Pause in Costritx

Tour 2: Heute stehen 90 hügelige Kilometer durch eine tolle Landschaft mit blühenden Feldern und Gärten an. Schafe springen malerisch über einen Zaun und die Gruppe kann über sich selbst lachen. Die ehrgeizigen Triathletinnen und -athleten mit Iron-Miene sind bei einer anspruchsvolleren Tour dabei, was mich deutlich entspannt. Heute gibt es unzählig viele Fotomotive, für die bei den Abfahrten mit 36 bis 40 Kilometer/Stunde leider keine Zeit ist. Muss der verschwitzte Kopf als fotografisches Gedächtnis herhalten. Ein leckeres Stück Kuchen in Costritx unter der Kirchturmuhr ohne Zeiger gibt’s auch noch. Diese Tour ist für mich die schönste der Woche. Ich sorge für Gesprächsstoff, weil ich gestern bei Matthias 8,50 Euro für den mittelmäßigen Aperol-Spritz bezahlt habe. Der hat Dich doch über den Tisch gezogen, der neue Matthias. Beim alten Matthias hätte es das nicht gegeben. Tourguide Ernst klärt das abends noch einmal persönlich mit Matthias. Der Preis stimmt wohl, sehr gute Qualität des Sekts und so. Der Urlaub war super bisher, da soll mich das mit Matthias nicht stören.

Fake it till you make it – mit dem Trikot der Skoda Velotour

Learning #3: Fake it till you make it: trage das Trikot des Jedermann-Radrennens „Skoda Velotour“, ein Ableger des „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“. Dort bin ich letztes Jahr 42 kurze Kilometer gefahren. Einer der Guides vermutet aufgrund meines Shirts, dass ich sehr ambitioniert bin, ob man sich dieses Jahr bei den 150 Kilometern sehen würde und ob ich mal eines der schnellen Testbikes ausprobieren wolle. Is klar. Learning: das richtige Trikot zahlt ein auf das Thema Heldengeschichte.

 

TEIL 2

*Hürzeler ist der polarisierende Radsport-Platzhirsch auf Mallorca. Jedes zweite Café ist als Hürzeler-Treffpunkt beflaggt. Der Schweizerischen Bahnradweltmeister unterhält 10.000 Räder auf der Insel – so munkelt zumindest die Szene. Ich bin mit einem kleineren Anbieter unterwegs, aber auch hier sind es in dieser Woche etwa 150 Teilnehmer mit unterschiedlichen An- und Abreisetagen und Leistungsklassen.

 

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