Blink, Birnchen

Die Nachbarn von gegenüber haben ihren Balkon geschmückt: an den Blumenkästen mit den vertrockneten Geranien, über den alten Kühlschrank, die Leitern und Balkonmöbel ist eine Lichterkette drapiert. Soweit nicht Ungewöhnliches in der Vorweihnachtszeit. Aber: die Kette blinkt. In Blau und Rot. Und das fast rund um die Uhr. Den Bewohnern ist eben sehr weihnachtlich zumute. Am ersten Tag dachte ich: auch weia, morgen wird die Batterie leer sein. Am zweiten Tag habe ich aber den Stromstecker entdeckt, also unendlicher Weihnachtsspaß. Ab Tag zehn hatte ich mich daran gewöhnt.

An Tag zwölf habe ich mich dabei ertappt, wie ich halb belustigt, halb verzaubert minutenlang das blinkende Farbenspiel angeschaut habe, als ich abends zum Lüften das Fenster öffne und den Kopf rausstrecke. Blau, Rot, Blau, Rot, immer im Wechsel und gefolgt von einer Art Lichterwelle im Schnelldurchlauf. Zeitweise zucken die Lichter im gleichen Takt wie der Fernseher im Inneren der Wohnung. Aber auch mal schneller oder mal langsamer. Je länger ich das Spektakel von Klein-Las Vegas bestaune, desto sicherer bin ich mit, dass die Lichter im Takt von „Blink Birnchen, blingelingeling“, äh, „Kling Glöckchen, klingelingeling“ zucken.

Während ich schaue und lüfte, stehen unten auf der Straße zwei Männer und rauchen. Auch sie bestaunen die Lichterkette von gegenüber, die die triste Straße mit Baustellenabsperrung, in zwei Reihen geparkten Autos und abgestelltem Sperrmüll fröhlich beleuchtet. „Hundert“, sagt einer von ihnen, so, als ob er gerade innerlich gezählt hätte. „Dreiundneunzig“, erwidert der andere zwei Zigarettenzüge später. Noch bevor ich nach unten fragen kann, ob sie tatsächlich die Beats per Minute der Weihnachtsdeko gezählt haben, sind sie schon wieder im Haus verschwunden. Für eine solche Kommunikation bewundere ich manchmal die Rauchergrüppchen vor der Tür.

Heute an Tag 19 warte ich fast schon sehnsüchtig darauf, dass es dunkel wird und gegenüber der Lichtertanz beginnt. Frohe Weihnachten, liebes Gallus.

Bildnachweis: CL. / photocase.de

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2 Gedanken zu „Blink, Birnchen

  1. Sehr schön, liebe Vera.

    Auch irgendwie eine Montagsgeschichte wie bei mir auf http://www.montagsgeschichten.de.

    Bei uns um die Ecke sitzen sich auf einem Balkon ein riesengroßer Plüschteddy und ein ebenso monströser Weihnachtsmann in den Stühlen gegenüber, in denen im Sommer die Bewohner die Straße beobachten. Abends natürlich mit Beleuchtung – also der Teddy und der Weihnachtsmann…

    Ich wünsche Dir schöne Weihnachten! Schade, dass danach wahrscheinlich das Geblinke aufhört!

    Carolin

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    1. Hallo Carolin, danke für Deinen Kommentar. Stimmt, ein bisschen habe ich auch daran gedacht, dass die Geschichte eine Art Montagsgeschichte ist. Einfach eine kleine Szene, die ein bisschen skuril ist, aber ein Lächeln zaubert. Grüße an den Teddy und den Weihnachtsmann und noch ein schönes restliches Weihnachtsfest.

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