Anbaden auf Sylt – oder ich mache mal einen auf dicke Badehose

Eigentlich wollte ich einen Artikel über kaltes Nordseewasser schreiben. In das wollte ich mich am Neujahrstag zusammen mit 120 anderen Verrückten kreischend hinstürzen. Blöd nur, dass ich das überall großspurig angekündigt habe und damit eigentlich schon alle Regeln des Schnapsidee-Tums gebrochen habe. Die eigentliche Kunst ist es nämlich, hinterher nur nebenbei und mit einem kleinen Lächeln zu erwähnen, wo Du am Wochenende warst. Ein wenig unpraktisch für die Glaubwürdigkeit war es auch, dass dann alles anders kam.

Der Wind hat die Welle am Strand von Wennigstedt aufgepeitscht

Die Schnapsidee

Die Schnapsidee, beim traditionellen Neujahrsanbaden auf Sylt mitzumachen, hatte ich schon lange. Im November habe ich dann – ganz old school –die Anmeldung per Post abgeschickt. Kein Mika-Timing-Chip, kein Fotoservice, kein Abtreten aller Rechte, nur eine schlichte schriftliche Bestätigung, dass ich versuchen werde, nicht zu ertrinken. Aber eigentlich wollte ich probieren, nicht zu erfrieren. Oder noch einfacher: mich überhaupt mit dem ganzen Körper ins Wasser zu trauen. Von Planschen oder gar richtigem Schwimmen war ja auch nie die Rede – auch wenn manche vermutet haben, ich plane eine Nordseequerung nach Dänemark. Aber das hatten wir ja schon, dass ich schon voreilig auf zu dicke Badehose gemacht habe.

Die Vorbereitung

Auf das Anbaden habe ich mich sehr gefreut und ungeduldig, aber mit einer großen Portion Respekt, entgegengefiebert. Bei jedem Hallenbadbesuch habe ich mir ausgemalt, wie es sein wird, in mindestens 20 Grad kälteres Wasser als das wohlige Nass der Frankfurter Bäderbetriebe zu springen. In einer Zeitschrift bin ich vor Weihnachten über einen Artikel über das so genannte „Cold Water Swimming“ gestolpert, in dem ein mehrmonatiges Herantasten empfohlen wurde. Mangels öffentlichem Gewässer und meiner Bequemlichkeit habe ich das allerdings ausgesetzt. Kaltes Duschen wären eine Option gewesen, aber auch hier hatte der Schweinehund das letzte Wort. Im Touristen-Blättchen „Sylt en vogue“, das zu 80 Prozent aus Werbung für fellbesetzte Jacken besteht, habe ich noch einen weiteren Artikel gelesen (siehe auch Artikelbild), der mich völlig entspannt hat. Darin wurde eine historische Badeempfehlung (leider ohne Jahreszahl) zitiert. „Kein Bad im Meer länger als acht Minuten, am besten drei bis fünf Minuten, und immerzu die Predigt, dass die Wirkung schon nach einer Minute eintrete.“ Eine Minute, das sollte ich irgendwie schaffen.

Mein Plan für das Anbaden war also: tauche einmal kurz in die Wellen, spritze und quietsche ein bisschen mit den anderen rum und probiere dann, ohne Dusche und Umkleide, Dich wieder in die Winterklamotten zu zwiebeln und mit dem nächsten Bus zurück in die Ferienwohnung zu fahren und eine Legitimation zu haben, den Rest des Tages tassenweise heiße Schokolade zu schlürfen.

Der Neujahrstag

Und dann fällt Dein Schnapsidee-Kartenhaus zusammen

Zumindest mental bestens vorbereitet bin ich also an Neujahr in den Badeanzug geschlüpft, habe sieben Lagen Bekleidung darübergeschichtet, mit Tee, Handtuch und Badeschlappen um Gepäck im hoffnungslos überfüllten Bus von Westerland nach Wennigstedt gefahren und ein wenig dümmlich gegrinst, wenn andere erzählt haben, dass sie zum Anbaden Gucken fahren. Als Smartphone-Junkie hatte ich natürlich auch alle Wetter-, Wellen- und Tourismusseiten nochmal gecheckt: fünf Grad kaltes Wasser, Wind. Schweinehund, hier komme ich. Beim Aussteigen am Strandparkplatz dann die Ausbremsung: ein großes Plakat mit dem Hinweis, dass das Anbaden ausfällt, weil es zu stürmisch ist. Und jetzt? Ich war traurig, enttäuscht und mein Schnapsidee-Kartenhäuschen ist in sich zusammengefallen. Klipp, klapp und vom Wind weggeeht. Aber ein bisschen war ich auch froh, bei diesem Wellengang und Wind nicht ins Wasser zu müssen.

Und plötzlich war da ein unverplanter Nachmittag und zum ersten Mal seit Wochen ist die Sonne rausgekommen. Und so habe ich meine Badesachen bei einem sonnig-windigen Spaziergang auf dem Roten Kliff nach Kampen getragen und dann doch noch einen Artikel über eiskaltes Nordseewasser geschrieben und auch mal wieder etwas über das Leben gelernt.

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