Gnadentod

Herdentiere gehen zum Sterben häufig in die Wüste oder einen abgelegenen Ort. Ziehen sich zurück, wollen ganz für sich sein und die Gruppe nicht belasten. Das machen Elefanten und Gazellen. Und Rauchmelder.

Die Steppe war in diesem Fall der Keller des über 100 Einheiten großen Wohnkomplex. Genauer gesagt, die Steppe war vor dem benachbarten Kellerverschlag.

Als Radfahrerin bin ich mindestens zwei Mal am Tag im Keller. Bis alle Laptoptaschen montiert, die richtigen Handschuhe gefunden, der Helm sitzt und bis alles durch eine Latten- und zwei Brandschutztüren bugsiert ist, kann das schon mal einen Moment dauern. Hier noch mal ein Reifen nachgepumpt, da noch mal eine Schraube nachgezogen oder mal noch was im Schrank gesucht. Für statistische Zwecke hochgerechnet: ich verbringe 20 bis 30 Minuten pro Woche im Keller. Und in den letzten vier Wochen hat mich dabei das schmerzgeplagte Piepsen eines Rauchmelders begleitet. Er lag wie ausgesetzt halb im Gang, halb vor einem Kellerverschlag auf dem Boden. Wurde er ausgesetzt? Oder ist er aus seinem Nest, äh von der Decke gefallen? Er litt jedenfalls an einer schweren Krankheit und hat alle 20 Sekunden markerschütternd um Hilfe gerufen.

In den ersten Tagen habe ich gehofft, dass seine Herde nach ihm schauen würde und ihn wieder in die warme Wohnung holt. Nach einer Woche wurde ich ungeduldig. Nach drei Wochen wütend und hätte ihn am liebsten getreten. Aber das habe ich nicht übers Herz gebracht. Stattdessen habe ich ihn und sein Knopfsystem einer ersten Tastuntersuchung unterzogen. Es sollten allerdings chirurgische Instrumente nötig werden.

Vor ein paar Tagen – in Woche vier – und nach intensivem Verräumen von leeren Blumentöpfen im Kellerschrank, habe ich dem Leiden ein Ende bereitet. Habe die minimalinvasive Methode mit einem winzigen Inbusschlüssel gewählt und die Schrauben gelöst und probiert, ein paar Plastikteile abzuklemmen. Sein Herz war stark bis zum Schluss, die Batterie ließ sich auch mit gröberem Werkzeug nicht herausnehmen. Marketingtrick. Es bloß nicht möglich machen, Organe zu transplantieren. Aber irgendwann er hat nicht mehr geschrien und ich wieder in der Lage, etwas zu hören.

Nachtrag: spät abends bin ich noch mal in den Keller geschlichen, um nach ihm zu schauen. Der Rauchmelder hat sich als wahre Kämpfernatur entpuppt. Er hatte er sich wieder berappelt und wieder gewimmert und gepiepst. Da hat also die ganze Aktion nichts gebracht. Noch einen Nachbarn getroffen und mit ihm das Meldersterben diskutiert. Er hatte sich dazu auch schon schlau gemacht und auch schon nach möglichen Herdenmitgliedern recherchiert.

So zwar keinem Rauchmelder keinen Gnadentod geschenkt, aber wenigstens wieder jemanden im Haus kennengelernt. Zwei Tage später hat sich der Hausmeister seiner angenommen. Also des Rauchmelders, nicht des Nachbarn.

 

Bildnachweis: tw77/photocase.de

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2 Gedanken zu „Gnadentod

  1. Der europäische heimische Rauchmelder hat einen natürlichen Schutzpanzer, damit die Fressfeinde seine Batterie nicht entfernen können und das Überleben in freier Wildbahn bis zu 10 Jahre gesichert ist. Dadurch ist er von Artensterben nicht bedroht und kann sich in den heimischen Gehegen ausbreiten. Seine Schutzfunktion, welche er von Mutter Natur bekommen hat, ist sich mit lautstarkem Piepsen bei Gefahr im Gehege bemerkbar zu machen. Gerne kann ich Dir, bei Beadrf, ein paar geeignete Verhaltensforscher für den europäischen Rauchmelder nennen.

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