Der Feldberg – Teil 1

Ich neige ja dazu, in Sportevents eine gewisse Theatralik zu legen. Mal verbanne ich Pascal, das Marathonmodell, aus meinem Zimmer, mal muss ich beim Schwimmen divenhaft aus dem Wasser klettern, um Luft zu bekommen, mal heule ich beim Einlauf des Halbmarathons vor Freude und Erschöpfung. Manche Events sind aber auch deutlich nachhaltiger als eine vorrübergehende Emotion.

Heute, etwas mehr als ein Jahr danach, mag die Geschichte immer noch theatralisch klingen. Für mich hat sich aber durch sie vieles verändert. Deshalb lade ich euch ans Lagerfeuer zum Geschichten erzählen ein.

Radrennen 1. Mai 2017, kurz vor dem Start. Es war frisch.

Es war der 1. Mai 2017 und ich startete gegen 8:30 Uhr unter dunklem Himmel im letzten Startblock des Amateurrennens „Eschborn-Frankfurt“ (aka „Rund um den Henninger Turm“, aka „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ – musste selbst noch mal nachschauen, wie die sich aktuell nennen) auf dem Parkplatz eines XL-Möbelhaus in Eschborn. Trostlos umzäunt mit Dixi-Klos. Noch am Morgen hatte ich einem Triathlon-Freund die Nachricht geschrieben: „alles gut, laut Wetterbericht soll es erst ab 15 Uhr regnen.“ Ich hatte mich für die 80 Kilometer-Strecke über den Feldberg entschieden – schließlich war ich erst kurz vorher auf einem Radtrainingslager auf Mallorca gewesen und fühlte mich fit. Der Gipfel sollte bei Kilometer 54,3 erreicht sein.

Die ersten 20 Kilometer im Pulk verliefen zwar langsamer als geplant, aber dennoch flüssig. Der Himmel wurde allerdings immer dunkler. Ab Kilometer 30 fing es dann an, zu regnen. Kein Tröpfeln, kein Nieselregen: REGEN. Ein Jäckchen übergeworfen und weiter gestrampelt. Bei Kilometer 37 hat sich die Strecke geteilt. Hier hätte ich – wie viele andere – mich umentscheiden können und den Feldberg auslassen können. Ich war ehrgeizig und verbissen unterwegs. Wie selbstverständlich bin ich die große Runde weitergefahren. Ehrgeizig und verbissen war ich damals häufig auch sonst unterwegs.

Auf der weiten Strecke habe ich andere Radfahrer stürzen, anhalten oder umdrehen sehen. Aber spätestens ab dem Anstieg ab der Hohe Mark war für mich klar: aufgeben ist keine Option (übrigens auch ein beliebter Spruch auf Laufshirts beim 5,6-Kilometer-J.P. Morgan-Run). Es wurde immer leerer auf der Strecke, immer nasser und immer kälter. Irgendwann hatte ich einen türkisfarbenen Bus im Nacken. Naiv dachte ich: wenn das ein normaler Linienbus ist, dann soll er doch einfach überholen. Stoisch habe ich mich weiter den Berg hochgequält. Noch etwa 10 Kilometer bis zur Spitze. Endlich gab also der Bus hinter mit Gas, stoppte, die Türen öffneten sich und durch den Regen brüllt mir eine Frau zu, ob ich mitfahren will. In meiner Regen-Trance habe ich ein paar Momente gebraucht, um zu kapieren: das ist der B E S E N W A G E N. Du bist die Letzte! Ich kam mir aber gar nicht so langsam vor und habe energisch jede Hilfe abgelehnt. Nach einer kurzen Diskussion wurde entschieden, dass ich auf eigenes Risiko und ohne Zeitwertung weiterfahren kann. Ein entwürdigender Moment, wenn Dich der Besenwagen, drei Polizeiautos und drei Motorräder mit wehenden Fahnen und Wimpeln überholen und das Rennen vorbei ist. Hinter mir sollten dann die Elitefahrer kommen.

Blick voraus: da waren noch zwei, drei andere nicht aufkehrbare Reste so wie ich. Ich habe mich zu ihnen vorgearbeitet und wir haben uns gegenseitig bestätigt, dass wir uns den Berg jetzt erst recht noch holen. Kehre um Kehre. Aber das Gefühl wurde besser. Ich kämpfte mich weiter und irgendwie lief es. Wie im Job. Auch, wenn die aktuelle Situation offensichtlich nicht die angenehmste und es nur eine Frage der Zeit war, bist etwas versagte: Nerven, Mensch oder Material. Ich war stolz, dass ich mich nicht habe kleinkriegen lassen. Dabei habe ich fast nicht bemerkt, dass ich vor Kälte meine Finger nicht mehr gespürt habe. Kehre um Kehre. Einsam im Regen. Abends würde die Hessenschau berichten, dass es 2 Grad gehabt hatte und auch der slowakische Radprofil Peter Sargan „entnervt“ aufgegeben hatte.

Noch zwei Kilometer bis zum Zenit, noch 1,5 Kilometer, der Sandplacken noch wenige Meter entfernt. Würde ich die Abfahrt mit den tauben Fingern und den nassen Bremsen überhaupt schaffen? Mein Mitstreiter im gelben Post-Trikot hat mich überholt und so etwas zugerufen wie: „wir sehen uns oben.“

[Teil 2 lest ihr in wenigen Tagen hier].

Beitragsfoto: „Großer Feldberg von Norden“ ,Wikimedia, frei verwendbar

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