Der Feldberg – Teil 2

Teil 1 meines Radrennens am 1. Mai 2017 lest ihr hier

[…] Es wurde belebter, mehr Streckenposten und Polizeiautos am Straßenrand. Der letzte Kilometer Anstieg, vorbei am Ausflugslokal „Sandplacken“. Ermutigt habe ich einen Gang höher geschaltet. Das war aber zu anstrengend, also wieder einen zurück. Aber das ging nicht mehr. Alles völlig verhakt und fest. Panisches Probieren. Der Regen war stärker als das Material und es war kein Schalten mehr möglich. Fünf Meter, die alle Emotionen brachgelegt haben und es entschieden war: did not finish.

Adrenalingepeitscht bin ich abgestiegen und habe zitternd probiert, einen klaren Gedanken zu fassen. Kann mich jemand mit dem Auto mitnehmen? Der Streckenposten in seinem wohlgeheizten Auto hat bei dieser Frage nur lachend in sein Schinkenbrot gebissen und gesagt, dass hier niemand wegkomme. Höchstens mit dem nächsten Besenwagen der Profis. Der müsse in 20 bis 30 Minuten kommen. Besenwagen, schon wieder dieses Reizwort. Mit dem Taxi oder mit dem Minivan des Sandplacken-Wirts zur U-Bahnstation Hohe Mark waren auch keine Option – alle Straßen im Umkreis waren für die Elite gesperrt.

Also alle Hoffnung auf den Elite-Besenwagen. Immer noch Regen und keine durchblutete Stelle mehr am Körper. Eingefrorener Blick, Frust, Verbitterung. Ich habe mich dann, wie geheißen, an einen markanten Punkt, das Bushäuschen, gestellt. Dort war schon eine biergelaunte Wandergruppe, die die Elite sehen wollte. Nein, ein Bier wollte ich jetzt nicht. Ein sehr netter Mensch hat aus seinem Rucksack eine goldene Rettungsdecke gezaubert. Diese habe ich mehr als dankend angenommen. In Romanen würde jetzt stehen: sie zitterte wie Espenlaub. Also es war wirklich so.

Die ganze Bushäuschen-Truppe hat sich für mich stark gemacht und zusammen haben wir dem Besenwagen entgegengefiebert. „Machen Sie auf sich aufmerksam,“ hatte mit der Schinkenbrot-Streckenposten geraten. Wir waren bereit, uns alle laut rufend und winkend auf die Straße zu werfen. Nach einer halben Eiszeit kam dann die U30 Elite vorbeigesaust. Wie ein Luftzug. Nach wenigen Sekunden waren sie auch schon wieder weg.

Da, der Bus, die Rettung ist da. Wir haben alles gegeben. Aber der Bus ist vorbeigefahren. Ich war selten so enttäuscht und sauer.

Was dann folgte, gebe ich mal stichwortartig wieder: rein ins rappelvolle Sandplacken-Café, mich in den Vorraum gesetzt, weil ich mich so triefend und fertig mit den Nerven nicht unter die Leute setzen wollte. Auf der Toilette vergeblich probiert, mich mit Papierhandtüchern abzutrocknen. Wie ein Häufchen Elend saß ich dann dort im Vorraum und habe einen Pfefferminztee getrunken und musste die Ereignisse der letzten Stunden erst einmal sacken lassen. Drinnen Stimmengewirr und Lachen, alle haben der Top-Elite herbeigefiebert. Teller mit Sahnetorte, Kaffee, Fanta und Cola wurden im Minutentakt von der Küche in den Gastraum an mir vorbeigetragen. Kein Handyempfang, aber das große Bedürfnis, meinen Partner in Frankfurt anzurufen und zu bitte, ob er mich abholen kann. Irgendwann das gestresste Personal gefragt, ob ich mit dem Festnetz telefonieren kann. Da wir kein Auto besitzen, hatte ich dann zwar die Zusage, dass ich abgeholt werde, aber eben ohne Zeitangabe. Ein Carsharing-Auto musste erst besorgt werden und die Straßen waren auch immer noch großräumig gesperrt.

Also habe ich gewartet und hatte viel Zeit zum Nachdenken auf meinem Stuhl im Flur oder abwechselnd mit den Klickschuhen umherhumpelnd, um warm zu werden. Neugierige Blicke und Fragen, ob ich dazu gehöre zu dem Rennen, wie oft ich fahre und wo. Richtig Lust auf solche Gespräche hatte ich nicht. Eine sehr nette Dame hat mir ihre braune Wolljacke geliehen und mir versprochen, so lange zu warten, bis ich abgeholt werde. Das hat sie mehrfach wiederholt. Auch, als die Top-Elite längst durch war, ihr Kuchen gegessen und bezahlt war. Mir war das sehr unangenehm, aber ich habe mich auch über die grandiose Menschlichkeit gefreut. In all der Verzweiflung gibt es nette Menschen, die einen aufbauen. Mein Kopf hat derweil eine Parallele zu meinem Leben nach der nächsten gezogen. Klick, klick, klick.

Nach etwa zwei Stunden kam dann mein Retter mit Auto, einer warmen Decke und mehr Tee. Dank an die Dame und dann nichts wie heim. In der Badewanne ist später mein Kopf heiß gelaufen. Klick, klick, klick. Vieles hat auf einmal einen Sinn gegeben. Der Berg hat mir dabei geholfen.

Der Feldberg hat mich an diesem Tag Vieles gelehrt. Auch, dass es besser ist, selbst zu entscheiden, wann Schluss ist – mit Würde und verbleibender Kraft. Vor allem, wenn eine baldige Abfahrt ins Tal  zum Ziel nach all den Mühen nicht in Sicht ist und es nur immer steiler wird.

Drei Wochen später habe ich gekündigt.

Werbeanzeigen

7 Gedanken zu „Der Feldberg – Teil 2

Was denkst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s